Die Sonne knallt nur so vom Himmel. Trotzdem tragen sie alle lange, schwere Gewänder oder gar eine Ritterrüstung, statt kurze Hosen und T-Shirts. Sie ziehen sich zurück in den Schatten, den ihnen die Zelte spenden, halten eine Mittagspause ab, ruhen sich aus. Und sie alle haben trotz der Hitze ein Lächeln auf den Lippen. Die Teilnehmer des Stettener Ritterturniers sind in ihrem Element, fühlen sich wohl und zu Hause, auch wenn manche bis zu 500 Kilometer weit weg wohnen.

 

Karl von Heldenfingen zum Beispiel, der seinem Großvater zu Ehren auch noch den Namen Alexandré Carrée trägt, lebt in der Schweiz. Heute nicht. Gemeinsam mit seinen Freunden sitzt er am Tisch seines Lagers, hölzerne Becher und Besteck liegen auf dem Tisch. Glas konnte sich im Mittelalter noch keiner leisten. „Ich mag einfach diese leichte Lebensart und das Miteinander hier auf dem Platz“, sagt er. Alles kann nur dann funktionieren, wenn jeder mithilft, egal ob beim Zelt aufbauen oder kochen.

 

Der Tagesablauf richtet sich für die Lagernden nach dem Sonnenlicht. Sobald es hell ist, wird aufgestanden, sobald es dunkel ist, wird ins Bett gegangen. Zumindest die, die anständig sind. Uhrzeit? Gibt es nicht. Einen Spiegel ebenso wenig. „Da würde ich ja auch erschrecken“, lacht Carrée.

 

Ein Lager weiter, bei den Kreuzfahrern, brodelt gerade ein Eintopf über dem offenen Feuer. Eine immer wiederkehrende Frage von Besuchern ist, ob das Feuer echt und der Eintopf tatsächlich essbar sei. Ulisis von den Kreuzfahrern kann darüber nur den Kopf schütteln. Bei den Rittern sind er und seine Gruppe auch deshalb, weil sie jetzt das Geld dafür haben, um sich Kindheitsträume zu erfüllen. Aber das geschichtliche Interesse sei natürlich ebenso da, man wolle das Leben von früher schließlich authentisch präsentieren.

 

 

image: elegante abendkleider

 

Dorothea von Wissenhorn ist bei den Württemberger Rittern und kennt so ziemlich jeden Teilnehmer auf dem Rittergut. Sie weiß, dass es einen Unterschied gibt zwischen denen, die das Mittelalter wirklich nachleben und denen, die es einfach spielen. Mit einem langen, blauen Gewand und einem weißen Tuch auf dem Kopf läuft sie über den Platz auf die Dachauer zu. An den Almosenbeutel und die Tasche, die beim Gehen schwer an ihrem Gürtel herunterhängen, gewöhne man sich, sagt sie. Auch daran, dass man das Kleid bei jeder Zeltschnur raffen muss, um nicht hängen zu bleiben. „Es war im Mittelalter üblich, dass alles von Kleidung bedeckt war“, sagt sie. Nur für die Arbeit haben die Frauen etwas kürzere, knöchellange Kleider getragen.

 

Beim Lager angekommen, stellt sich schnell heraus, was die Dachauer am Mittelalter so fasziniert. „Wir leben sowohl hier als auch im Alltag einfach die ritterlichen Tugenden, Demut zum Beispiel“, sagen sie. Das gebe es heute doch gar nicht mehr. Außerdem habe man im Mittelalter auch mal Zeit, nichts zu tun. Kein Handy, kein Laptop, keine Hektik, kein Stress. Viele sind wegen genau dieser Ruhe so begeistert vom Mittelalter. Und wem die Ruhe irgendwann zu langweilig wird, der kann sich vom Lager in Richtung Innenhof begeben. Mit Instrumenten, die kaum einer kennt, wie einer Davul oder Bouzouki, sowie deutschen und lateinischen Texten, versüßen die Gruppen Zechpreller und Irregang den Rittern das Mittagsmahl an ihrer Tafel. So zumindest sagen sie das: „Wir sind die Meister des Wohlklangs und dass ihr auch wisst, wer euch diese Wohltat erweist: Wir sind die Gruppe Irregang“, tönt es von der Bühne.

 

Die Gruppen beherrschen die Sprache „Marktsprech“, die man von mittelalterlichen Märkten kennt. „Aber eigentlich ist das nur eine Fantasie-Sprache“, sagen sie. An der mittelalterlichen Musik reizt die Mitglieder von Irregang, dass es immer eine Suche nach Melodien ist, die man noch nicht gehört hat. Nachteil bei den mittelalterlichen Musikern sind indes die Schäpperle, also die Glocken an den Füßen. Veit vom ebenen Feld, Mitglied bei den Zechprellern, erzählt, dass man das Geräusch manchmal nicht mehr hören kann. Dafür erkenne aber jeder den anderen, auch wenn er noch meterweit entfernt ist.

 

Erkennen – das kann auch Michael Simon. Er ist Experte für sämtliche vergangene Zeiten und weiß anhand der Kleidung, wen ein Mensch darstellen möchte. Mit einem braunen Filzhut sitzt er im Lager der Württemberger Ritter. Alles, was er an sich trägt, hat er von Hand genäht und mit natürlichen Farben gefärbt: die grüne Tunika, die weiße Leinen-Unterhose und die orangefarbenen Beinlinge, die er heute bis zu den Schienbeinen herunter gerollt hat. „Das ist ein Vorläufer der Hose“, sagt er.

 

Das geschichtliche Interesse sei der Hauptgrund für seine Mitgliedschaft bei den Rittern. Aber noch etwas anderes fasziniert ihn: „Man bekommt einfach alles von Hand genauso gut hin, wie das die ganzen Maschine heute hinkriegen“, sagt er. Manchmal sogar noch nachhaltiger und schöner. Selbst die Nadeln, mit denen er näht, sind nicht einfach nur gekauft. „Die lasse ich mir anfertigen, nach Mustern von Nadeln, die man aus mittelalterlichen Zeiten gefunden hat“, erzählt er. Mit einer seiner neusten Nadeln näht er gerade an einem Leibchen. An einem rosafarbenen. Denn im Mittelalter sei rosa eine Farbe für Männer gewesen. Gefärbt hat er den Baumwollstoff selbst – mit Hilfe von Läusen.

 

Im Mittelalter war es üblich, Stoffe nur mit Pflanzen und Tieren zu färben. Expertin dafür ist Schönfärberin Sabine Hüttner. Sie hat heute ihren eigenen Stand auf dem Markt. In einem großen Topf über dem Feuer liegt gerade Wolle im Wasser. „Im ersten Schritt muss man den Stoff immer in Wasser und Alaun packen, um die Fasern zu öffnen“, erklärt sie. Sonst würde die Farbe nachher beim Waschen gleich wieder rausgehen. Im zweiten Schritt kommen die Pflanzen oder Tiere dazu. „Dann muss ich rühren, rühren, rühren“, so Hüttner. Je mehr, desto besser ist das Ergebnis.

 

Während Hüttner immer weiter rührt, wird auf dem Turnierplatz ein erster Sieger des Tages gekürt: Georg von Franken, der eigentlich Julia heißt. „Alle Reiter haben bei uns männliche Namen, egal ob Frau oder Mann“, sagt sie. Die Ritterin liebt es, mit ihrem Pferd Lotte das Kinderturnier am Nachmittag zu reiten. „Nachdem ich mir beim Reiten die Schulter gebrochen habe, dachten viele, dass ich nicht nochmal auf ein Pferd steige, aber jetzt haben wir sogar gewonnen“, erzählt sie glücklich, während sie in Richtung Pferdestall geht.

 

„Es ist wichtig, dass unsere Pferde zusammen stehen können“, sagt sie. Noch immer ist sie völlig rot im Gesicht und total fertig – aber glücklich. Lotte bekommt zur Belohnung Leckerlis. „Der Adrenalin-Kick beim Turnierreiten ist Wahnsinn“, sagt Julia. Heute Abend wird sie nur als Dame beim Turnier da sein, das heißt: schick anziehen. „Wenn Lotte mich so sieht, ist sie immer ganz gelangweilt“, so die Ritterin.

 

Beim Turnier heute Abend wird stattdessen Ritter Andreas le Haziel von Flandern, Vorsitzender der Württemberger Ritter, antreten. Den Mittag über hat er bei der Spielstraße mitgeholfen, jetzt versucht er langsam abzuschalten. Denn wenn er unruhig ist, überträgt sich das später auf das Pferd. „Ein Pferd ist ein Fluchttier, da kann man nie sicher sein, dass alles gut geht“, sagt er. Je mehr Turniere er reitet, desto mehr steigt sein Lampenfieber: „Dannweiß man, was alles passieren kann.“ Trotzdem ist er davon fasziniert, mit dem Pferd als Team etwas zu erreichen. Was ihn allerdings noch mehr begeistert, ist die Teamfähigkeit der Ritter. „Alleine erreicht man hier nichts, man kann nur als Team etwas leisten“, so der Vollblut-Ritter. Sein Kollege Michael von Babenberg trifft es auf den Punkt: „Wer einmal Ritter ist, bleibt es auch.“

 

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